
Tornado bei Katie in Oklahoma. Bild: Justin Flickinger
Tornados in Deutschland
von Tobias ter Hell
Am 26.07.2026 hinterließ um etwa 18:50 Uhr ein Tornado im schleswig-holsteinischen Glückstadt eine Spur der Verwüstung. Die Tornadoliste Deutschland hat den Sturm in die Kategorie F1 (schwach) eingeteilt – das sind dennoch Windgeschwindigkeiten bis 180km/h. Das gleiche Unwettersystem hat nur wenige Kilometer weiter einen F2 (stark) Tornado mit Windgeschwindigkeiten bis 250km/h hervorgebracht. Wie es zu solchen Wetterphänomenen kommt und warum sie auch in Deutschland eine Gefahr darstellen, erklärt der Storm Chaser Tobias ter Hell von der Wetterküche Bayern.
Tornados können weltweit auftreten. Sie bringen die schnellsten Windgeschwindigkeiten hervor, die unsere Natur zu bieten hat. Daher kann ihr zerstörerisches Potenzial enorm sein. Als Tornado bezeichnet man einen räumlich eng begrenzten Luftwirbel, der Kontakt zum Boden und einer Wolke hat. Die Vorstufe eines Tornados nennt man Trichterwolke oder Funnelcloud – hier besteht kein Bodenkontakt. Dieser ist nämlich maßgeblich für die Definition Tornado. Der Begriff Tornado kommt aus dem spanischen. Dort bedeutet „tornar“ so viel wie „umkehren“, „(sich) drehen“. Im Deutschen wird das Phänomen häufig als Windhose bezeichnet. Oft wird Hierzulande angenommen, Windhosen seien schwächer als Tornados. Das ist jedoch nicht richtig – die Größe, Stärke, Aussehen und Lebensdauer haben keinen Einfluss auf die Bezeichnung. Beide Begriffe beschreiben das exakt gleiche Wetterphänomen. Bezeichnungen wie Mini-Tornado werden auch häufig genutzt, sind jedoch gänzlich falsch und irreführend. Mini-Tornados gibt es nicht. In Deutschland treten jährlich etwa 40 bis 60 Tornados auf, die meisten von ihnen im Sommer und Herbst, eingeteilt in zwei Kategorien.

Ein Tornado bei Farnam, Nebraska, am 17.05.2019. Bild: Justin Flickinger
Typ-II Tornados: Sie entstehen bei starker Konvektion unter Schauer- und Gewitterwolken. Zum Beispiel im Herbst, wenn große Seen oder das Meer noch warm sind, die Lufttemperatur aber schnell mit der Höhe abnimmt. Die aufsteigende warme Luft wird in eine Rotationsbewegung gezwungen, da es – wie ein Strudel beim Auskippen einer Wasserflasche – die schnellste Möglichkeit des Aufstiegs ist. Über dem Wasser entstanden nennt man dieses Wetterphänomen Wasserhose oder Waterspout. Über Land bezeichnet man sie als Landspout. Auch in einer Konvergenz, bei der Luft aus verschiedenen Richtungen zusammenströmt und zum Aufsteigen gezwungen wird, können sie entstehen. Typ-II Tornados sind in der Regel schwach und die Rotation nicht besonders hochreichend, ihre Windgeschwindigkeiten reichen jedoch aus, um ebenfalls Schäden zu verursachen. Sie machen den Großteil der Tornados in Deutschland aus, da sie besonders oft an den Küsten über dem Meer entstehen. Auch Staubteufel entstehen auf ähnliche Art und Weise durch stark erhitzte Böden bei schönem Wetter, sie gehören jedoch nicht zu den Tornados.
Dann gibt es noch Typ-I Tornados: Sie gehen immer aus dem rotierenden Aufwind einer Superzelle – der sogenannten Mesozyklone – hervor. Sie können deutlich stärker und langlebiger als Typ-II Tornados werden, ihre Entstehung ist jedoch auch deutlich komplexer.
Die Grundzutaten für Tornados sind hohe Luftfeuchtigkeit, eine hohe Instabilität der Atmosphäre – vor allem auch in Bodennähe – und starke Windscherung in der unteren Atmosphäre. Je kleiner der sogenannte Gap – der Unterschied zwischen Lufttemperatur und Taupunkt – ist, desto besser ist das Setup für Tornados, da die Wolkenuntergrenze sinkt und ein potenzieller Tornado einen kürzeren Weg von der Wolke bis zum Boden überbrücken muss. Bildet sich in dieser für Tornados günstigen Umgebung eine Superzelle, kann der Entstehungsprozess beginnen.
Im Niederschlagsfeld der Superzelle entwickelt sich ein starker Fallwind, Wissenschaftler sprechen hier vom Forward Flank Downdraft (vorderseitiger Fallwind), kurz FFD. Die Grenze zwischen dem kalten Abwind und dem warmen Inflow – also der feuchtwarmen Luft, die in das Gewitter strömt – nennt man FFD Boundary. An der Rückseite der Superzelle entwickelt sich ebenfalls ein Fallwind. Kalte, trockene Luft wickelt sich langsam um den Aufwind und kann extreme Böen erzeugen. Dieser Abwind wird als Rear Flank Downdraft (RFD) bezeichnet. Zeitgleich wird auch feuchte Luft aus dem FFD in den Aufwind gesaugt und senkt so das Kondensationsniveau (lifted condensation level, kurz LCL) herab. Die Wolken kondensieren nun in geringerer Höhe aus und Formen die äußerst beeindruckende und beängstigend anmutende Mauerwolke (Wallcloud).
Der RFD wickelt sich immer weiter um den Aufwind und zieht auch langsam Niederschlag mit sich. Der Inflow wird immer weiter zwischen dem RFD und dem FFD Boundary eingeengt. Die Windgeschwindigkeit im Inflow nimmt zu.
Wenn die Bedingungen perfekt sind, wickelt sich der RFD immer weiter mehrfach um den Aufwind. Wie ein Eiskunstläufer, der seine Arme anlegt, nimmt die Rotation zu. Aus den rückseitigen Abwindverwirbelungen kann in seltenen Fällen schließlich ein Tornado entstehen. Nur etwa 10% bis 20% aller Superzellen produzieren einen Tornado. Warum manche Superzellen einen Tornado hervorbringen – und andere nicht – ist nicht vollständig geklärt und derzeit Bestandteil der Forschungen.

Schematische Darstellung einer tornadischen Superzelle. Bild: Tobias ter Hell
Tornados sind grundsätzlich erst einmal unsichtbar. Erst wenn die kalte Luft im Inneren des Tornados die warme, rotierende, aufsteigende Luft genug kühlt und diese zu kondensieren beginnt, kann man den Rüssel sehen. Am Boden wird er häufig durch den umherwirbelnden Dreck und die Trümmerteile sichtbar. Sichtbarkeit ist jedoch kein Tornado-Kriterium, sondern lediglich der Bodenkontakt des aus der Wolke kommenden Luftwirbels.

Der helle, türkise Bereich über diesem Tornado vom 02.05.2024 nennt man Clear Slot. Hier fällt der RFD aus der Superzelle und wickelt sich um den Aufwind. Bild: Justin Flickinger
Tornados reagieren äußerst sensibel auf ihr Umfeld. Kleinste Veränderungen können die Auflösung des Wirbels bedeuten. Während ihres Bestehens sind sie ein perfektes Gleichgewicht aus Unterdruck im Inneren, der den Tornado zusammenhält, und Fliehkraft – durch die Rotation bedingt – die ein Zusammenfallen durch den Unterdruck verhindert. Wird dieses Gleichgewicht gestört, nimmt eine der Kräfte überhand und der Tornado verschwindet. Die meisten Tornados sind eher schwach und kurzlebig – auch in den USA. Sie halten sich nur wenige Minuten und werden nur wenige dutzend bis maximal einige hundert Meter breit. Tornados können jedoch auch deutlich größer und stärker werden. Prominente Beispiele aus Deutschland sind etwa Pforzheim im Jahre 1968 – dieser Tornado war ein F4 mit Windgeschwindigkeiten weit über 335km/h – oder der F3 in Bützow im Jahre 2015, mit Windgeschwindigkeiten über 256km/h. Auch international gibt es einige Exemplare besonderen Ausmaßes. So etwa der El Reno Tornado 2013.
Er war bis zu 4,2km breit und es wurden Windgeschwindigkeiten bis 506km/h von mobilen Radaren gemessen. Damit war er bis dato der größte Tornado seit Beginn der Aufzeichnungen. 1999 wurde die schnellste jemals gemessene Windgeschwindigkeit mit 512km/h von Radaren bei einem Tornado in Oklahoma registriert.
Tornados werden jedoch nicht nach Windgeschwindigkeit, sondern Schäden klassifiziert. Eine Messung der Windgeschwindigkeit am Boden ist äußerst schwierig und selten, daher entwickelte 1971 der Wissenschaftler Tetsuya Theodore Fujita die sogenannte F(ujita)-Skala, um die Tornadointensität zu bestimmen. Anhand der Zerstörung kann man die aufgetretenen Windgeschwindigkeiten errechnen. Ein aufwändiges Protokoll mit definierten Schadensmustern dient hier den Wissenschaftlern als Grundlage, um die Intensitätsklasse zu bestimmen. Messungen von Windgeschwindigkeiten fließen nicht in die Klassifizierung ein. Als Beispiel dient hier wieder El Reno: Der Tornado hat nur Gebäude zerstört, die maximal der Stärke EF3 standhielten. Die höheren Windgeschwindigkeiten konnten daher aufgrund von Schäden nicht sicher nachgewiesen werden. Laut Windgeschwindigkeitsmessungen wäre es ein EF5 – also die höchste Kategorie gewesen – der Schaden war aber nur im EF3-Bereich. Deshalb ist dieser monströse Tornado nur als EF3 eingestuft. International wird mittlerweile die I(nternational)F-Skala genutzt. Die Übergänge zwischen den Einordnungen sind fließender, orientieren sich im Großen und Ganzen aber an der F-Skala. Die USA nutzen aufgrund der anderen Gebäudebauweise derzeit die E(nhanced)F-Skala. Die Windgeschwindigkeiten liegen daher etwas niedriger als bei der ursprünglichen F-Skala.

Fujita-Skala zur Intensitätsbestimmung von Tornados
Tornados sind unberechenbar – sie vorherzusagen unmöglich. Meteorologen können nur die Zutaten für Tornados erkennen und dementsprechend Bereiche eingrenzen, in denen sie auftreten können. Die USA haben das beste Vorwarnsystem weltweit. Hier treten jährlich über 1200 Tornados auf – die Vorwarnzeit beträgt im Durchschnitt jedoch nur 13 Minuten. Durchschnittlich sterben 71 Menschen jährlich durch Tornados in den Staaten. In Deutschland existiert kein entsprechendes Vorwarnsystem. Tornados haben ein gewaltiges Gefahrenpotenzial. Ihr Pfad ist unvorhersehbar. Die hohen Windgeschwindigkeiten verwandeln selbst kleinste und leichte Gegenstände in gefährliche Trümmer. Sie können Scheiben und Wände ohne Probleme durchschlagen und sind so selbst in Gebäuden tödliche Geschosse. Bei einem Tornado sollte man im niedrigsten Stockwerk im Kern des Gebäudes – weg von Fenstern – in einem kleinen Raum Schutz suchen. Auch wenn der Anblick faszinierend ist, viele Menschen unterschätzen hierbei die Gefahr. Das sieht man leider immer wieder bei Videos – auch hier aus Deutschland. Autos bieten keinen Schutz vor Tornados. Trümmer durchschlagen die Scheiben oder der Wind trägt das Auto weg. Auch Brücken werden zur Todesfalle, wenn man darunter Schutz sucht. Hier wird der Wind kanalisiert und verstärkt, Trümmer können einen ebenso treffen. Im freien empfiehlt es sich, sich flach in Senken oder Gräben zu legen und das Beste zu hoffen.
Tornados sind auch häufig deutlich breiter, als der sichtbare Teil vermuten lässt. Der unsichtbare Teil ist jedoch genauso gefährlich und schlägt ebenso mit hohen Windgeschwindigkeiten zu. Starke und breite Tornados treten häufig als Multi-Vortex-Tornado auf. Das bedeutet, dass es in ihrem Hauptwirbel kleinere, stärkere und schnellere Wirbel gibt. Diese sogenannten Sub-Vortices brechen aufgrund des Unterdrucks an der Grenze des RFD aus dem Inflow aus. Sie sind klein und rotieren extrem schnell. Sie bewegen sich innerhalb der Hauptzirkulation in Rotationsrichtung und können unvorhersehbar zuschlagen. Da sich die Rotationsgeschwindigkeit mit der Zuggeschwindigkeit innerhalb des Hauptwirbels addiert, sind die Windgeschwindigkeiten extrem. So z.B. der Multi-Vortex-Tornado in Greenfield, Iowa 2024. Der Wind innerhalb der Sub-Vortices erreichte Spitzengeschwindigkeiten nahe der Schallgeschwindigkeit. Ebenso stellt der Regen eine Gefahr dar. Tornados können darin verschwinden und von außen komplett unsichtbar werden. Sie schlagen dann ohne Vorwarnung zu. Diese sogenannten rain wrapped Tornados gehören mit den nächtlichen Stürmen zu den Gefährlichsten und töten aufgrund der schlechten Sichtbarkeit die meisten Menschen. In Deutschland sind ein Großteil der Gebäude glücklicherweise sehr stabil gebaut und halten den meisten hier auftretenden Tornados stand. Todesopfer sind daher hierzulande äußerst selten. Dennoch darf die Gefahr nicht unterschätzt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein starker Tornado auftritt. Tornados sind ein faszinierendes Naturschauspiel. Trotz ihrer atemberaubenden Schönheit können sie extrem zerstörerisch werden. Ihre unvorhersehbare Zugbahn und die starken Winde können sich schnell zur Gefahr für Leib und Leben entwickeln. Daher ist Vorsicht bei entsprechend angekündigten Wetterlagen immer besser als Nachsicht. Die Wahrscheinlichkeit von einem Tornado getroffen zu werden ist äußerst gering, es besteht kein Grund in Panik zu verfallen. Aber etwas Vorbereitung und das richtige Verhalten können so im Ernstfall mal Leben retten.
Über Storm Chaser Tobias ter Hell
Seit über 10 Jahren ist Tobias aus Großkarolinenfeld bei Rosenheim ein sogenannter „Storm Chaser“ und verfolgt – sofern es der Beruf zulässt – Gewitter, Tornados und Unwetter im In- und Ausland, um bei der Wetterküche Bayern möglichst genaue Vorhersagen zu treffen. Zudem ist er ehrenamtlich Feuerwehrmann und Rettungssanitäter.
Zur Erklärung: Ein Storm Chaser verfolgt, dokumentiert und analysiert aktiv Gewitter und Unwetter, um Wetterphänomene besser zu verstehen oder frühzeitig zu warnen.

Storm Chaser Tobias ter Hell im Einsatz bei dem rekordverdächtigen Unwetter am 10.06.2019 in München
| Stufe | Schäden |
| F0 -schwach- | Äste brechen, einzelne Dachziegel werden abgedeckt |
| F1 -schwach- | Bäume entwurzelt/ausgegraben, Dächer z.T. abgedeckt, Anhänger umgeweht |
| F2 -stark- | Nahezu alle Bäume umgestürzt, erste Mauereinstürze |
| F3 -stark- | Erste Häusereinstürze, PKW fortgetragen |
| F4 -verheerend- | Totalschäden, Baumentrindung |
| F5 -verheerend- | Völlige Zerstörung und Verfrachtung |
| Stufe | km/h | kN | m/S | mph |
| F0 -schwach- | 62 – 117 | 34 – 63 | 17 – 32 | 39 – 73 |
| F1 -schwach- | 118 – 183 | 64 – 98 | 33 – 50 | 74 – 112 |
| F2 -stark- | 184 – 255 | 99 – 137 | 51 – 70 | 113 – 157 |
| F3 -stark- | 256 – 334 | 138 – 180 | 71 – 92 | 158 – 206 |
| F4 -verheerend- | 335 – 420 | 181 – 227 | 93 – 116 | 207 – 260 |
| F5 -verheerend- | ab 421 | ab 228 | ab 117 | ab 261 |
(c) Wetterküche Bayern / Stormchaser Bavaria. Alle rechte Vorbehalten. Tobias ter Hell